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Oktober 27th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

im Kringloop

Ich bin kein begeisterter Flohmarktgänger. Ich bin auch niemand, der sich durch die Hinterlassenschaften anderer Menschen wühlt. Soziale Kaufhäuser machen mich auch nicht an. Wobei … die Kringloopbetriebe hier in den Niederlanden sind im Grunde nichts anderes: Ehrenämtler vrijwilligers sortieren und reparieren, präsentieren und verkaufen die spullen Dinge aus Haushaltsauflösungen. 

Im Kringloop findet man alles und alles für nen Appel und nen Ei. Ehrlich wahr.

Das ist der Laden schlechthin für Pleitegeier wie mich. Es wimmelt vor Kuriositäten und angestaubten Erinnerungen an die Zeit, die meine Kindheit war.

Bilder flammen wieder im Gedächtnis auf, ein Lächeln huscht mit mir durch die Gänge.

Es ist wie eine Zeitreise aber auch wie das Mega-Kaufhaus schlechthin. Egal ob ich Kleidung oder Gartenstühle, Taschen oder Matratzen brauche, ich werde unter Garantie fündig.

Wenn nicht heute, dann morgen. Wenn nicht hier, dann einen Laden weiter. Genial, genial und noch mal genial. Ich liebe den Kringloop.

 

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Oktober 1st, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Frau Stiina und der Tod. So oft schon ist er mir begegnet. So oft.

Und jedes Mal dachte ich, es sei der Gipfel da unten in der Tiefe. Vor meinen Augen sehe ich einen Gletscher, hoch vereist. Doch sehe ich nicht nach oben, sondern schaue in einen weiten, dunklen See. Und mittendrin in die Tiefe zeigt die Gletscherspitze. So viel tiefer, als dass ich sie noch scharf erkennen könnte. Mein Leben verläuft spiegelverkehrt. Ich steige hinauf und lande weiter unten. Mit jedem Schritt, mit jeder Anstrengung noch mehr. Wie oft schon habe ich versucht, aus diesem schwarzen Meer nach oben zu steigen. Wie oft schon habe ich mich an einem Felsvorsprung festgehalten und nach Luft geschnappt. Habe gebetet und geweint ohne eine Träne zu vergießen. Wie gelangt man auf die andere Seite des Spiegels? Wie schafft man es, auf einer Spielkarte in die obere Hälfte zu gelangen, wenn man fest auf die untere gedruckt ist. Wie? Wäre der Abstieg nicht so schmerzhaft, ich würde sagen: Sei´s drum. Richte dich hier unten schön ein. Mal ehrlich. Das Auge bildet die Welt eh spiegelverkehrt ab. Das Hirn rückt das Leben dann erst zurecht. Warum sollte mein durchgeknalltes Hirn nicht in der Lage sein, einfach eine doppelte Drehung zu vollführen?

Ich habe mein Leben zu Grabe getragen. Das tun normalweise die Hinterbliebenen. Sie misten aus, werfen weg, was eh keiner braucht. Auch das, an dem mein Herz hängt. Weg. Ich fahre zur Mülldeponie. Nicht einmal. Dreimal oder mehr. Ich entsorge, was ich behalten will. Entsorge mein Leben, so, als ob ich nicht mehr da wäre. Es nimmt mir die Luft. Raubt mir die Kraft. Lässt mich straucheln, fallen, stürzen auf die Knie. Doch wo ist das Fünkchen Hoffnung? Das, das das Unerträgliche aushaltbar macht? Mein ganzes Ich will und wollte immer Bücher schreiben. Schon seit ich klein war. Geschichten machen mich aus. Geschichten schmücken meine Welt wie Lichterketten die euren. Ich dachte immer: So lange du nicht den Mut findest, dein eigenes Ich zu leben, so lange wirst du auf der anderen Seite gefangen sein. Ich wurde kränker und akzeptierte die Krankheit als logische Konsequenz. Dann schluckte ich, nahm meinen Mut zusammen und sprang. Ich schrieb. Schrieb mit Herzblut. Sprang ins kalte Wasser. Tauchte auf und

war und bin noch immer auf dem Berg, dessen Gipfel ich schon so oft meine erklommen zu haben, doch dessen Spitze – dessen bin ich mir inzwischen sicher – ich nicht einmal erahnen kann. Egal was ich tue, auch wenn ich alles opfere, alles ändere, mit vollem Einsatz lebe, ich trage mich selbst nur zu Grabe. Nun, dies tut ja logisch betrachtet jeder. Mit dem ersten Atemzug, dem ersten Schrei nach Leben, begibt sich absolut jeder auf den einen Weg, der nur ein Ziel hat. Also, was jammere ich?

Ich sitze auf meinem Bett und weine. Weine salziges Wasser über meine Wangen. Schluchze. Das Salz brennt in meinen Augen. Salz. Salz wie das Salz in der Nordsee. Das macht es erträglich, lebbar und liebbar. Damit habe ich dem Zeichner ein Schnäppchen geschlagen. Egal, ob er mich in das untere Feld kopfüber ans Papier fesselt, ich bin am Meer. Vielleicht sollte ich meine knorrigen Knochen mal ein bisschen trainieren und Kopfstand üben 😉

Der Regen rieselt über mein Wohnwagendach. Er prasselt nicht, obwohl er das kann. Er kann sogar so laut hämmern, dass ich an mich halten muss, nicht die Löcher in der dünnen Haut zu suchen, die mich von dem Unwetter trennt. Gerade streichelt er sanft. Tickert in kleinen, leichten Schritten über mich hinweg. Unter dem linken Auge trocknet die letzte Träne. Ich lebe. Merkwürdig zwar, dass ich den Tod immer wieder treffe, das tun andere schließlich nicht, aber ich lebe. Wer weiß, was es gutes bedeuten will, dass ich wie eine Fledermaus im Leben herum baumel, aber ich lebe

und zwar am Meer.  ausrufezeichen

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August 28th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Obwohl hier bei Frau Stiina tote-hose-marie herrscht, ist ziemlich viel los, bei der Frau Stiina, was dann auch der Grund für die Funkstille in der letzten Zeit ist. Deshalb will ich euch kurz und knapp – ich hoffe, das gelingt mir – auf den Stand der Dinge bringen:

Schneller als erwartet hat sich ein Nachmieter für meine Wohnung gefunden. Nun heißt es Kisten packen und aussortieren. Umsortieren und verkaufen. Aber schon allein das Hochtragen der leeren Kartons bereitet mir Probleme. Obwohl die Luft am Meer, sprich mein Asthma, deutlich besser ist, verschlägt es mir hier doch den Atem. 

Dann war ich auf dem Caravansalon. In diesem Jahr zwar nur an einem Sonntag, aber dennoch wollte die Aktion gut vorbereitet sein. 

Am Meer musste ich den Vorzeltboden noch einmal heraus nehmen, weil ich Dödel die Platten bei offener Tür verlegt hatte. Und dann, als ich fertig war, ließ sich der Reißverschluss an einer Seite nicht mehr komplett schließen. Diese Aktion ist beendet. Nun werde ich noch ein paar Möbel von hier ins Zelt stellen, damit ich mich nicht von allem trennen muss.

Außerdem habe ich am Meer schon mal zwei Buchhandlungen gefunden, die „Wut im Bauch“ mit ins Sortiment aufgenommen haben. Ich habe also in der letzten Zeit nicht nur massenhaft Flyer verteilt, sondern auch Bücher auf die Insel und nach Egmond gebracht.

So weit, so gut.

Umbruch ja, aber kein Einbruch.

Abbruch ja, aber kein Zusammenbruch.

 

Es ist gut, dass die Perspektive das Meer ist. 
Es ist gut, dass ich aus meinem Wohnwagen ein kleines Haus am Meer gezaubert habe, in dem ich mich wahnsinnig wohl fühle.

Wer von euch Zeit und Lust, Kraft und Geschick zum Tragen hat, melde sich bitte bei mir 🙂

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Juni 12th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Frau Stiina sitzt hier neben mir, grinst, trinkt Tee und mümmelt Kekse. „Es geht nichts über einen herrlich kühlen Meertag“, blinzelt sie mich herausfordernd an. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schüttel lächelnd den Kopf: „Du willst mich also zu einer Gegendarstellung provozieren. Und wozu? Doch nur, damit du Anlass genug hast, mir deine Meinung in allen Facetten aufs Auge zu drücken.“ Frau Stiina nimmt einen Schluck Tee und guckt mich über den Rand ihrer großen Tasse an. Die Augen klein, an den Seiten so viele Lachfalten, dass ich ihr den Schalk förmlich aus den Augen springen sehen kann. „Na gut“, sie beißt in den Keks mit der hellen Füllung, den sie doch eigentlich nicht mag, dachte ich jedenfalls, „dann mal was anderes: Ich finde die Katholiken cool.“ Da fällt mir fast der Keks aus dem Mund. „Wie bitte? Die kannst du ja so ziemlich alles nennen. Aber cool? Beim besten Willen: Das passt nicht!“ „Doch, herrlich provokativ. Ich glaube, hinter den ganzen Dogmatikern stecken ganz schöne Schlitzohren.“ Ich habe aufgegeben. Es wird eine Diskussion geben. Der Abwasch muss warten. Ich verziehe die Mundwinkel zu dem schiefsten Grinsen, das ich so hinkriege, setze mich wieder hin, schenke mir eine Tasse Tee ein und gebe mich geschlagen: „Na dann schieß mal los.“ „Nun, wer sind die spießigsten Geistlichen im ganzen Land?“ „Die Katholiken“, antworte ich brav. „Und wer ist gegen jedwede Öffnung, Anpassung der Normen und beharrt auf alten Hokus Pokus“ … Ich unterbreche: „Wie dem Zölibat, die Katholiken.“ Sie nickt.

„Tja, und dabei sind sie es doch, die eine Frau in den Himmel heben, die alles andere als einen sittsamen Wandel vor ihrer Ehe gepflegt hat.“ „Stopp, da schießt du dir argumentativ selbst in die Kniee. Maria wurde unbefleckt vom lieben Gott heim- gesucht.“ „Und du meinst, das haben all die Frauen geschluckt, die selbst Kinder bekommen haben? Im Leben nicht. Man kann der Menschheit nicht hunderte von Jahren ein X für ein U verkaufen.“ „Du meinst also, dass Maria auf Neudeutsch gesagt“, ich wage es nicht auszusprechen, geschweige denn aufs Papier zu bringen, was mir da gerade durch den Kopf geht. „Ja und nein. Ich finde, dass die Geschichte Marias zeigt, dass man einen Menschen entgegen seinen Vorurteilen, entgegen der langläufigen Meinung, der aktuell geltenden moralischen Werte einfach nur aufgrund dessen, was er vollbracht hat, ehren und sogar verehren kann.“ Ich hole Luft, nehme mir dann aber doch nur einen Tee. „Bei den Evangelen ist das nicht so. Klar gibt es nette Geschichtchen von Maria, klar erkennt man an, dass sie den kleinen Jesus auf die Welt gebracht hat, aber sie verehren mit einem festen Platz in der Kirche – in jeder Kirche…“ Hm, mir fällt irgendwie gerade nichts gescheites ein. Deswegen holt Frau Stiina weiter aus. „Also gut. Schau mich mal an. Alleinerziehend und familiär gescheitert in jeder Beziehung. Ich gehe gern zu Maria. Weil wir so unter Müttern und wir so unter denen, die nicht so richtig gesellschaftskonform leben, weil wir uns was zu sagen haben. Wenn ich ganz unten bin, dann wende ich mich an sie. Aber ich bitte sie auch schon mal um etwas für meine Kinder. Ich fühle mich von dieser Figur christlicher Lehre verstanden und auch repräsentiert. Und es tut meiner Seele gut, dass eine wie wir, im wahrsten Sinne des Wortes in den Himmel gelobt werden kann.“ Sie schenkt sich eine weitere Tasse ein und schiebt mir den Plätzchenteller vor die Nase. Ich sehe sie mitfühlend und sprachlos an. Sie spricht weiter. Die Stimme diesmal leise und ihren Blick auf den Tisch gesenkt. „Ich habe früher nie verstanden, warum man Jesus nicht in einer hübschen Lebenssituation in den Kirchen ausstellt, sondern immerzu als gekreuzigter oder als Baby. Irgendwie fehlt doch da das, was ihn eigentlich ausmacht. Aber dann, als es mir so schlecht ging, habe ich mich in Sittard vor die Jesusfigur vorn am Eingang gesetzt. Das Bildnis blickte mir in die Augen und zeigte mir seine Wunden. Und es war unendlich trostreich. Wir wussten, wovon wir sprachen.“

„Okay, das verstehe ich“, ich habe meine Sprache wieder gefunden, „aber deinen Ansatz einen fröhlicheren, gesünderen Jesus als Glaubensfigur zu zeigen, finde ich richtig gut. Es ist die Frage, ob man sich als Kirche nur auf das Leiden fokussieren sollte.“ „Wobei wir wieder bei der Kirche wären… Du weißt, was ich noch sagen will.“  „Nun, mir fällt jedenfalls noch einiges schlitzohriges ein.“ „Ha, mir auch! Waren es nicht die Römer, die damals den Jesus ans Kreuz getackert haben?“ „Jap. Und heute sitzt der oberste Katholik in Rom“. „Apropos >Heute< Es kursierte eben auf Facebook so ein Spruch > Tiere haben keinen Platz in der katholischen Kirche < herum. Was sagst du denn dazu?“ „Panne. Absolute Panne. Ich habe großen Respekt vor den Autoren der Bibel. Menschen haben noch bevor die Forschung so weit war, sowohl zeitliche Abläufe als auch zwischenmenschliche Beziehungen sehr klar umrissen und mit recht wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Und dann denke ich gerade an die Katholiken mit ihren Club der Heiligen. Franz von Assisi, einer, der mit Tieren sprechen konnte. Und dann das Eselchen, das sowohl Maria als auch Jesus getragen hat. Die ganzen Pärchen auf der Arche, die Bedeutung der Taube,… Hä? Keinen Platz in der katholischen Kirche? So ein Quark.“ Ich ergänze: „Gestern in der St. Josephs Kerk in Alkmaar habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, außerhalb der Gottesdienstzeiten oder zu bestimmten Feierstunden Gläubigen zu erlauben, ihr Tier mit in die Kirche zu nehmen. Wo wäre bitteschön das Problem?“ Frau Stiina nickt: „Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott was dagegen hätte, wenn ich ihn mit meinem Hund zu Hause besuchen würde.“ „Ja, und ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen gern einmal ein Zwiegespräch mit Maria, Jesus oder dem Gottvater persönlich hielten, wenn es denn einfach ein bisschen einfacher wäre.“

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Mai 17th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Es ist vielleicht gar nicht so selten, dass man schlecht träumt. Aber dass ich einen Traum so intensiv schockiert erlebe, so spürbar echt, dass ich mich an weite Sequenzen auch nach dem Aufwachen erinnere, das kommt bei mir eher nicht vor.

Ich hatte mich verliebt. Ich – selbst im Traum wunderte ich mich darüber. Und peng war ich schwanger. Nur, weil ich ein einziges Mal meiner Lust nachgegeben hatte. Ich konnte es nicht glauben, dass dieses eine Mal schon zu einer Schwangerschaft geführt hatte. Konnte mir nicht vorstellen, dass ich, die ich doch ganz eindeutig schon in den Wechseljahren bin, dass ich immer noch zack schwanger werde. Nun gut. Ich nahm es hin. Stellte mich darauf ein, bald schon einen kleinen Mitbewohner zu haben. Überlegte, wie sich ein Baby in mein Leben im Wohnwagen integrieren ließe und befand, dass es durchaus ginge. Dann plötzlich – jedenfalls in meiner Erinnerung plötzlich, vielleicht bot der Traum selbst mehr Kontext – hatte ich ein zweites Baby im Bauch. Dies war aber einen Monat jünger als das erste, mit dem ich nun im zweiten Monat schwanger war. – Wieder eine Gedächtnislücke – Ich sah mich im Gespräch mit einer Therapeutin. Berichtete ihr von der Doppelschwangerschaft und sie fragte, wie das nun für mich sei. Und dann begann der Schock. Ich realisierte, dass ich doch schon für mein Leben allein oft zu wenig Kraft, zu wenig Gesundheit besaß. Ich rechnete aus, dass ich, wenn mein Kind zwanzig wäre, wahrscheinlich schon abgenippelt wäre. Und, falls noch am Leben, eine gebrechliche, alte Frau. Ich realisierte, dass meine Erkrankung schon für meine realen Kinder eine große Belastung waren. Und das, obwohl ich zu deren Kindheit weit fitter, weit gesünder war als jetzt. Ich sah die Therapeutin an und sagte: Ich glaube, ich muss die Kinder abtreiben.

Und diese Erkenntnis im Traum war der eigentliche Albtraum. Ich, als absoluter Abtreibungsgegner – nein, falsch formuliert. Das lässt euch etwas Radikaleres vermuten, als ich denke. Moment, wie formuliere ich es passender? Ich schließe die Möglichkeit der Abtreibung einfach aus und zwar, was meine Person angeht. Ich kann mir vorstellen, dass es Frauen gibt, die das Leben in eine Situation zwingt, die eine Abtreibung unumgänglich macht. Aber für mich kommt dieser Weg einfach nicht in Frage – Punkt! Kein Wunder bei meiner Vorgeschichte. Jedenfalls wäre ich selbst beinahe im Frühstadium meines Seins in der Klospülung versunken. Eine nicht gerade erbauliche Vorstellung. Und was bin ich froh, dass ich dieses Leben leben darf. Wenn es auch jede Menge Tiefen hervorgebracht hat, so gab es nicht minder viel, tief erlebte Glücksmomente.

Ich suchte tatsächlich eine Beratungsstelle auf. Alles logische sprach für eine Abtreibung. Doch meine Liebsten verurteilten meine Entscheidung genauso wie das unbekannte, klatschende Umfeld. Ich sei zu egoistisch. Dächte nur an mein Glück, an mein Leben, meine Selbstverwirklichung. Das meiner ungeborenen Kinder würde mich überhaupt nicht interessieren.

Ein Albtraum – jetzt von der Seele getippt – und besser geht´s mir.

Abtreibung erscheint in einem neuen Licht. Ich fühle Mitgefühl, tiefes Mitleid mit den Frauen, die diese Entscheidung treffen müssen. Ein Traum, so wahr wie eine Erfahrung in der Realität. Und wieder bin ich ein Stückchen toleranter.

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Mai 5th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Eigentlich dachte ich, dass ich wie ein Besessene schreiben würde, wenn ich denn endlich am Meer wäre. Nun bin ich da und schreibe fast gar nicht. Die Eindrücke überschlagen sich in meinem Kopf, die Gefühle lassen sich kaum in Worte fassen. Am schärfsten ist es, mit dem Bus einkaufen zu fahren. Zuhause eine kleine Tortur: Überfüllte, stickige Busse befördern einen mehr schlecht als recht in die Nähe eines Supermarktes. Schlimmer ist dann natürlich die Rückfahrt. Voll beladen stapft man zur Haltestelle, um dann dort in einer Gegend auf die Rückfahrgelegenheit zu warten, in die man sich eigentlich nicht verirren wollte. Hier dagegen holt mich ein gut gepolsterter, klimatisierter Bus direkt am Feldrand ab. Ich muss winken, damit der Busfahrer weiß, dass ich nicht zum Vergnügen da rumstehe. Der Supermarkt ist gleich beim Bushof, der Bushof direkt neben einer Frittenbude, die Frittenbude ist dann auch direkt im Zentrum unseres schnuckligen Badeörtchens. Während man auf den Bus für die Heimfahrt wartet, beobachtet man Möwen oder Touristen, genießt noch einen Blick auf die Fußgängerzone, deren Verlängerung der Strand ist. Unfassbar. Jedes Mal wieder staune ich und jauchze innerlich, dass das nun normal sein soll.

Und nicht nur ich kann die Freiheit, die gute Luft, die Natur, … in vollen Zügen genießen, Emil tut es ebenso. Mein Wickie genießt angemessen gemäßigt, wie es sich für einen 105-ährigen gehört. Er ist hier deutlich ruhiger als Zuhause, schläft durch und wartet entspannt, wenn Emil und ich mal eine Zusatzrunde drehen.

Das ist die rosarote Seite. Es gibt aber auch eine tiefdunkelschwarze, die mich lähmt und meine Lunge nachts pfeifen lässt. Wie so oft, sind es Sorgen, die mich ins Aus befördern. „Sorge dich nicht, lebe“, zitiere ich in Gedanken ein wirklich gutes, gleichnamiges Buch. Nun gut, ich lebe. Ich gehe meinen Weg und ich spüre mehr als deutlich, dass es endlich die richtige Abzweigung ist, die ich genommen habe. Aber dennoch bleibt – und schlimmer noch: verschlechtert sich meine finanzielle Lage. Ich versuche mich zu beruhigen. Denke, dass sich dieser Knoten lösen wird, wenn ich denn meine große Wohnung aufgelöst habe. Doch im Hinterkopf ist auch eine andere Stimme, die kritisch bemerkt, dass ich mich durch eben meinen Spleen, am Meer leben zu wollen, in diese nun fast unerträgliche Lage befördert habe. Der Schuh drückt, und zwar gewaltig. In diesem Monat allein durch meinen XXL-Vorrat an Medikamenten, den ich mit ans Meer genommen habe. Klar bekomme ich dieses Geld wieder, aber es ist erst einmal ausgegeben. Ansonsten aber fehlt mir ein Nebenverdienst. Ein Irgendetwas, das ich nicht mehr leisten kann – und will, sagt die fiese Hinterkopfstimme. Auch damit hat sie nicht ganz unrecht. Ich will – und somit bin ich es ja – ich will nicht mehr mein bisschen Restkraft für einen Irgendwiejob ausgeben. Ich möchte die Kraft nutzen, um das zu tun, was in mir schon so ewig darauf wartet, gelebt zu werden. Ich will sitzen, beobachten, radeln, gucken und das Gesehene, Erlebte und Gedachte aufschreiben. Ich will meinen Ideen und Gedankenspielchen auf die grüne Fantastereienwiese folgen, will Geschichten ausdenken und weiterführen, wenn sie bei mir vorbei geflogen kommen.

Dunkelgrau sind auch die Reaktionen derer auf mein Vorhaben, die ich so sehr liebe. Sie fühlen sich ungeliebt, weil ich ihnen den Rücken zuwende. Weil ich das Zuhause auflöse, den Rückzugsort aller, die sich nun mal keine andere Mutter aussuchen können. Ich verstehe das. Und so gern würde ich den Spagat zwischen Zuhause und Meer leben können. Aber entscheide ich mich für den Fortbestand der Wohnung, entscheide ich mich gegen meine Gesundheit. Ich habe es versucht. Jahrelang. Habe es mir schön gemacht, das Gärtnern für mich entdeckt, habe Meerbilder aufgehängt und einen Freundeskreis aufgebaut – und war trotz allem nicht glücklich. Bin vor Sehnsucht fast geplatzt und vor Angst umgekommen. Diese Angst, dass die Luft nicht mehr reicht. Die Angst, dass ich sterbe, bevor ich meine Geschichten erzählt habe. Sie ist übermächtig. Auch hier meldet sie sich zu Wort: Es ist zu spät. Du hast zu lange gewartet. Jetzt kannst du die Verschlimmerung nicht mehr aufhalten…

Aber dennoch, jetzt bin ich hier. Und mein Herz, meine Seele und eigentlich auch meine Ratio wissen, dass das unumstößlich richtig ist.

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Mai 1st, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Seit gestern bin ich wieder im Lande. Nach einer abwechslungsreichen Zugfahrt mit vielen netten Gesprächspartnern, erwartete mich erst einmal sehr viel Regen. Durchnässte Böden trotz neuer Drainage rund um meinen Wigwam, schlammige Wege beim Abendspaziergang mit der Hundegang. Dann, heute Nacht um 3.00, unser erstes stürmisches Erwachen. Nein, Sturm kann man das für Nordseeverhältnisse noch nicht nennen, aber es war schon ganz schön windig. Windböen fegten teilweise so stark gegen meine Zeltwände, dass ich ein Stoßgebet losließ, ich möge doch bitte nicht abheben. Heute Morgen dann fiel mir endlich ein, dass ich die Fenster offen gelassen hatte … Tja, alles nass. Doch die gute Nachricht: Mit dem Wind kam das gute Wetter. Wie so oft, geht einer Wetteränderung erst einmal ein kräftiger Sturm voraus, besonders dann, wenn es deutlich wärmer werden soll.

So konnten wir unsere Flickerlteppiche schön über dem Zaun trocknen und gemütlich dabei den ersten Erdbeerkuchen des Jahres genießen. Und das alles vor dieser Kulisse 🙂

 

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April 12th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Eine neue Serie startet heute auf Frau-Stiina.de
Menschen auf dem Campingplatz. Zuerst einmal will ich über diejenigen schreiben, die hier mehr als die Hälfte des Jahres verbringen. Und die, die hier leben. Von den anderen habe ich auch noch kaum einen zu Gesicht bekommen. Nur am Osterwochenende kam der ein oder andere zu Besuch und hat für Betrieb im Waschhaus gesorgt.
Da ich das Pferd so gern von hinten aufzäume, beginne ich mit dem Ältesten: Joos

Joos
Es ist viertel nach elf. Ich hatte mich gerade noch einmal hingelegt, weil mir irgendwie schlecht war. Da half auch keine kleine Runde durchs Krokusfeld und auch kein Kaffee. „Stiina“ Ich höre meinen Namen und stehe taumelnd auf. Richtig benommen bin ich, als mich Gisela bittet, mich kurz bei Joos vorzustellen. Sie müsse heute noch für ein zwei Tage ins Krankenhaus. Und ich hatte mich bereit erklärt, bei der Pflege des alten Vaters unserer Bäuerin zu helfen. Also gut. Ich schlüpfe schnell in meine Klocks, sperre den Hunden das Gitter vor den Zeltausgang und stolpere mit ins Bauernhaus.
Ich muss sagen, ich habe in den letzten Jahren meine Unbekümmertheit, was das Betreten fremder Räumlichkeiten angeht, verloren. Und auch hilfsbedürftigen Menschen begegne ich nicht mehr unbefangen, sondern eher ehrfürchtig. Wohl wissend, dass sich hinter der offensichtlichen Lage ein Mensch verbirgt, den wir anderen in der Regel nicht mehr wahrnehmen können. Ich bin mir nicht sicher, was mir lieber ist: Meine jugendliche Spring-ins-Feld-Mentalität von früher, die es mir ermöglichte, vorbehaltlos kranken Menschen fröhlich frisch entgegen zu treten. Oder aber meine tiefe Betroffenheit, mein Mitgefühl, das mich zu tiefstem Respekt zwingt, mit dem ich dem anderen entgegentrete. Wie dem auch sei, ich kann mein altes Ich nicht mehr aus der Kiste locken. Ich kann nur meinem heutigen Ich einen kleinen Schubs nach vorn geben.
Als ich Joos so in seinem Pflegebett liegen sehe, trifft es mich wie ein Schlag. Nicht, dass ich keinen Kontakt zu Sterbenden, Kranken oder Alten gehabt hätte. Aber all diejenigen, denen ich bisher begegnet bin, starben entweder viel zu jung oder waren bis auf geistige Verwirrtheit recht fit für ihr Alter. Außerdem hatte ich eine Zeit lang einen Arzt begleitet, wenn er zum Feststellen des Todes bei alten Menschen gerufen wurde. Die Verstorbenen zu untersuchen war seine Arbeit. Meine war es, mich um die liebenden Hinterbliebenen zu kümmern. Mir von ihnen erzählen zu lassen, welch wunderbarer Mensch von nun an nicht mehr da sein würde.
Als ich Joos in seinem Pflegebett liegen sehe, blickt mir der Tod entgegen. Von dem Menschen, der in diesem alten Körper noch wohnt, ist kaum etwas zu spüren. Ein Kopf, der schon klar die Züge eines Schädels trägt, weit aufgerissene, hilflos blickende Augen, eine Nase viel zu dünn für eine Nase, tief eingefallene Wangen und ein viel zu dünner Körper, den eine dicke Decke versucht gegen die sich ausbreitende Kälte zu wärmen. Ich suche Blickkontakt und lächele Joos zurückhaltend an. Vorstellen kann ich mich nicht. Es ist schwer, einfach über die Fremdheit hinwegzuspringen, und so zu tun, als ob man ganz vertraut wäre, so wie es viele Altenpfleger tun. Schwer für einen Menschen wie mich, der die tiefe Erfahrung machen musste, als müder und doch noch wacher Geist in einem resignierten Körper gefangen zu sein. Will ein alter Mensch, nur weil ihn seine körperlichen Kräfte und die Attribute seiner Lebendigkeit verlassen, will ein erwachsener Geist, ein erfahrener und möglicherweise weiser Mensch, nur wegen seiner misslichen Lage wie ein Kind behandelt werden? Will ich einen Mann, der sein Leben gelebt hat, bei einer ersten Begegnung duzen? Hätte ihm das früher gefallen? Wer war er eigentlich, der, der sich da aus seinem Leben nach 93 Jahren verabschiedet. Ich weiß nichts über ihn. Weiß nur, dass es Joos ist, der geliebte Vater der Bäuerin und Herrin unseres kleinen Campingimperiums. Joos, den seine Tochter bittet zu bleiben. Ich stehe da, sehe ein Gemälde eines alten Meisters vom Tod. Trete mich innerlich in den Po: „Pass auf, hör genau zu, was zu tun ist, ziere dich nicht, zeig ihm, dass du ihn respektierst und als Person wahrnimmst.“ Gisela zeigt mir die offenen Stellen an den Füßen. Ob ich Wunden sehen könne, fragt sie. Ich denke: „Aber ja, ich habe schon tausend und ein Kind verarztet, das mit blutigen Knien weinend vom Spielen nach Hause kam. Doch, das, das sind keine Wunden“, schießt es mir durch den Kopf. „Das, das ist der Tod, der sich von außen nach innen durchfrisst. Er frisst ihn auf bei lebendigem Leib.“ Ich unterbreche wieder meinen inneren Monolog und wende mich der täglichen Medikamentengabe zu. Präge mir ein, wie die Medizin durch die Magensonde zu geben ist. Höre zu und zwinge mich, genau aufzupassen.
Der Tod, der ihn auffrisst. Von außen nach innen, von unten nach oben. Normalerweise sieht man den Tod nicht bildhaft vor sich. Normalerweise sieht man Verstorbene, aber man sieht nicht dem Tod bei der Arbeit zu.
Doch wer ist Joos? Wer war er, als er noch er selbst war? Es ist doch bemerkenswert, dass ich einen Artikel über ihn schreiben möchte und nicht von ihm, sondern von seinem Zustand berichte. Interessant, denn genau so wurde er mir auch vorgestellt. Genau so wird über ihn geredet. Es gibt keine Geschichten aus seinem Leben. Es gibt höchstens eine Krankengeschichte, aber auch nur, wenn ich mich danach erkundige. Sonst gibt es nur eine Zustandsbeschreibung. Nüchtern und von allen Außenstehenden dahin gehend bewertet, dass es Zeit wird für Joos zu gehen. Aber was sagt Joos dazu? Was sagt jemand, der nichts mehr sagt. Was sagt sein Geist. Will er sich verabschieden und mit seiner Seele auf die letzte Reise machen oder will er bleiben. Hofft er womöglich auf andere Tage oder hat er abgeschlossen mit seinem Leben. Bleibt er nur noch mit letzter Kraft seiner Tochter zuliebe oder hält auch er noch am Leben fest? Ich weiß es nicht und wüsste es doch allzu gern. Wüsste gern, ob er sich freut, wenn ich ihn besuche. Oder ob er lieber allein wäre und sich nicht die Blöße vor einer fremden Frau gäbe oder ob er mein Kommen als gelungene Abwechslung in seinem pflege- und fernsehbestimmten Alltag erlebt. Keine Ahnung.
Ich vermute auch, dass ich das nicht in Erfahrung bringen werde. Und ich vermute auch, dass ich all die schönen und spannenden Geschichten aus seinem Leben erst zu hören bekomme, wenn er verstorben ist. Aber ich werde ihn fragen, ob er sich über meinen Besuch freut. Und hoffentlich reicht meine Empathie aus, aus seinen Augen eine Antwort abzulesen.

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März 16th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

… der fiese, hinterhältige, durchtriebene Herr K.
Wer denkt, dass ich meinen Blog heute mit Ausführungen über die Irrungen und Wirrungen meiner Männerwahl beschmutze, irrt. Damit versau ich mir keinen einzigen Tag mehr. Es sind schon viel zu viele deswegen ungenossen über den Jordan gegangen.

Was hat krank mit Kraft gemeinsam?

Ah, jetzt dämmert es dir: Das K – richtig! Aber noch viel mehr. Das k, das r und das a und sogar die gleiche Buchstabenzahl. Ganz schön viel für zwei Dinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nicht wahr. Oder haben sie doch mehr gemeinsam: krank und Kraft?

Darüber hat sich Frau Stiina heute Morgen den Kopf zerbrochen noch bevor sie zum zweiten Band ihres „Commisaire Bruno – Chef de Police“ greifen konnte, den sie sich gestern aus der Bücherei mitgebracht hat. Ich habe viel zu wenig Kraft. Es ist so wenig übrig geblieben, von der Pippi Langstrumpf, die ich einmal war, sinniert Frau Stiina, während sie am ersten Schluck Cappuccino im Bett nippt. Du meine Güte, ich bin so kraftlos. Mir fehlt die Kraft, diese Wohnung auf Vordermann zu bringen, die Haare zu tönen, den Garten für den Frühling vorzubereiten. Na ja, entgegne ich, noch vor Kurzem hast du deinen Wohnwagen ganz allein renoviert. So wenig Kraft kann es nicht sein. Ja, ich weiß, was du meinst. Das wirft mir meine Tochter auch vor. Aber der große Topf, in dem meine Kraftreserven lagern, ist gerade mal eine Hand breit mit Kraft bedeckt. Und du erinnerst dich, er war mal so voll, dass er fast täglich übergelaufen ist. Jetzt fließt die Kraft nur noch tröpfenweise nach . Ich kann nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Mit der Renovierung habe ich meine letzten Kräfte ausgegeben und jetzt habe ich den Salat. Ich sitze hier vollkommen kraftlos und verwalte den Mangel. Hm, mache ich. Es stimmt, früher war sie anders drauf, die Frau Stiina. Früher war sie Fräulein Tausendstark. Dann sieht sie mich ernst an:

Krank macht kraftlos – aber nichts braucht so viel Kraft wie das Leben, wenn man krank ist. Das ist es. Das haben sie gemeinsam. Es bedarf sehr viel Kraft um Kranksein zu überwinden und nicht weiter dem Tod entgegen zu rutschen . 

Trotzdem Scheiß auf die K Wörter, lacht sie spitzbübisch:

K atastrophe

K rieg

K rise

K äfig

K rankheit (hatten wir schon)

K reuzigung (Na, na, ich schüttel den Kopf – sie sagt nur: Ostern)

K apitulation

K lagen (kümmern, werfe ich ein)

K rebs (schlägt Frau Stiina zurück)

Es ist wie ein Pingpongmatch bei dem ich ganz klar den kürzeren ziehe. Punkt für Punkt geht auf Frau Stiinas Konto und ich jage nur den Bällen hinterher. 

Dann meine Chance. Schnell unterbreche ich sie, als sie sich auf den Weg zum Regal macht, um ihren Duden zu holen:

K aligraphie (schwach)

K uss

K alauer (ha ha)

K uchen, Kissen, Kussmund,

K ündigung, fällt mir Frau Stiina ins Wort.

Spiel, Satz, Sieg, lacht sie. 

Wieder blitzt es in ihren Augen: Du weißt ja, dass Kinder Wörter mit K oft versehentlich mit G oder C schreiben. Das sind die Gegenspieler vom fiesen K, die G uten oder wie die Bayern zum G sagen, das weiche K:

G lück

G enuss

G ern

Gesund , lachen wir beide.

Und da Frau Stiina so gern das letzte Wort hat: C amping 😊

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März 8th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Das Märchen von einem, der auszog, das Schwindeln zu verlernen

Nicht wahr, das ist es, woran ihr denkt: Ein kleiner Junge, einst ein Holzpüppchen, mit chronischer Schwindelitis. Ein Dauerlügner.

Allerdings, wenn ich an den kleinen Kerl denke, so muss ich doch sagen, dass das Wort Lüge schon sehr scharf gewählt ist. Er schwindelt. Es sind oft Notlügen. Er redet sich heraus, so wie es viele, fast alle, alle Kinder tun und viele Erwachsene auch noch. Ertappt, erwischt und raus geredet. Ich gebe zu, das Märchen in seiner ursprünglichen Form habe ich nie gelesen. Mich hat ein Bild in dem Bilderbuch, das mir geschenkt wurde, zu sehr gegruselt. Wie alle Kinder habe ich mir ja erst einmal die Bilder angesehen, habe versucht, die Geschichte auch ohne mühevolles Lesen zu verstehen. An das Buch selbst erinnere ich mich nicht mehr. Wohl aber an das Bild, auf dem Pinocchio mit Eselsohren einen Holzkarren zog. Keine Ahnung warum, aber dieses Bild bewirkte, dass ich das Buch schnell zuklappte und es unter einem Stapel anderer ungelesener Bücher im Schrank begrub. Und es war wohl so eindrucksvoll schrecklich, dass ich mich nach mehr als vierzig Jahren noch daran erinnere. An all die Einzelheiten aus der Geschichte erinnere ich mich nur aus der Serie, die ich mir im Fernsehen mit meinen Mädchen ansah. „Kleines Püppchen, tralala…“ Ich könnte, nein, wir alle könnten, sofort wieder mitsingen. Ihr erinnert euch?

Bild gefunden auf:  Zeichentrickserien.de

Frau Stiina wird ganz unruhig neben mir. Sie schüttelt den Kopf und sieht mich traurig an. „Ich bin leider ganz genauso wie der arme Pinocchio.“ „Moment mal, arm meinte ich nicht. Für mich ist er nicht arm, nur eben nicht ganz so schlimm, wie es das Wort Lügner vermuten lässt.“ „Für mich ist er arm. Die Geschichte mit dem Lügen oder Schwindeln wie du es nennst, ist für mich nebensächlich.“ „Ach ja“, werfe ich ungehalten ein, „nun, wenn sie so nebensächlich ist, dann irren sich mit mir verdammt viele Menschen.“ Noch immer ist Frau Stiinas Blick überhaupt nicht kämpferisch, so wie ich es sonst so von unseren Wortgefechten kenne. Sie sieht irgendwie betrübt aus. Und dann klärt sie mich auf.

Ich bin auch zu gutgläubig. Immer wieder tappe ich in die Fallen, die mir irgendwelche durchtriebenen Kerle stellen.

Nee, ne? Nicht dein Ernst, zwinker ich sie an. Die beiden erkennt man doch schon drei Kilometer gegen den Wind.

Bild aus: YouTube    Pinocchio – Die hinterlistigen Wiesel – Folge 3

Ich weiß sofort von wem sie da redet, die Frau Stiina. Meine Mädels und ich haben schon immer gestöhnt, wenn sie Pinocchio zum abertausendsten Mal nicht erkannt hat.

Klar, ihr vielleicht. Aber ich nicht. Ich sehe so was:

 Jedes Mal beschleichen mich Zweifel, wenn sie mir einen Bären aufbinden. Aber dann denke ich mir, nur weil dich Fuchs und Kater betrogen haben, müssen es doch nicht automatisch diese zwei tun. Das mulmige Gefühl diskutiere ich weg. Ich sage mir, man darf doch nicht aufhören, anderen zu vertrauen. Sonst könnte man ja keinem mehr trauen. Könnte keinem mehr Hilfe anbieten. Und zack sitze ich in der Falle und falle in die Grube
 
Die du dir bei so viel Blödheit – entschuldige – selbst gegraben hast.
 
Ich glaube, man kann nicht so leicht aus seiner Haut. Man hängt an den Fäden seiner Persönlichkeit fest. Deshalb entscheidet man jedes Mal aufs Neue falsch. Und das, obwohl man sehr wohl Erfahrungen gemacht hat und sehr wohl ein mulmiges Gefühl entwickelt. Aber der Glaube an das Gute hält dich fest verknüpft mit dem Holzkreuz, an dem du hängst.
Hm, das würde ja bedeuten, dass man lernunfähig ist. Ich ziehe mürrisch die Augenbrauen zusammen.
 
Frau Stiina grinst mich schelmisch an: Tja, blöd bleibt blöd. Nee, im Ernst, wir lernen schon, der Pinocchio und ich. Nur eben langsamer und mit blutigeren Knien als andere, weil wir immer und immer wieder hinfallen müssen bevor wir einer Falle aus dem Weg gehen, auch auf die Gefahr hin, dass wir einen unschuldigen Menschen zu Unrecht im Regen stehen lassen. Denn das Gefühl bleibt. Das Gefühl, dass es ja doch ein Irrtum sein könnte, auf das mulmige Drücken im Bauch gehört zu haben und sich von dem Hilfesuchenden abzuwenden.
 
Hm, mache ich. Da tut sie mir irgendwie leid, die Frau Stiina und der Pinocchio auch. Das ist also der Grund, warum sie …
 
Sie nickt: Genau. Das ist der Grund. Meine Menschenkenntnis ist ziemlich gut, aber bei Männern setzt sie aus was für Gründen auch immer aus. Ergo: Gehe nicht über Start, ziehe nicht 4000 Mark ein …

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