Ein Albtraum

Es ist vielleicht gar nicht so selten, dass man schlecht träumt. Aber dass ich einen Traum so intensiv schockiert erlebe, so spürbar echt, dass ich mich an weite Sequenzen auch nach dem Aufwachen erinnere, das kommt bei mir eher nicht vor.

Ich hatte mich verliebt. Ich – selbst im Traum wunderte ich mich darüber. Und peng war ich schwanger. Nur, weil ich ein einziges Mal meiner Lust nachgegeben hatte. Ich konnte es nicht glauben, dass dieses eine Mal schon zu einer Schwangerschaft geführt hatte. Konnte mir nicht vorstellen, dass ich, die ich doch ganz eindeutig schon in den Wechseljahren bin, dass ich immer noch zack schwanger werde. Nun gut. Ich nahm es hin. Stellte mich darauf ein, bald schon einen kleinen Mitbewohner zu haben. Überlegte, wie sich ein Baby in mein Leben im Wohnwagen integrieren ließe und befand, dass es durchaus ginge. Dann plötzlich – jedenfalls in meiner Erinnerung plötzlich, vielleicht bot der Traum selbst mehr Kontext – hatte ich ein zweites Baby im Bauch. Dies war aber einen Monat jünger als das erste, mit dem ich nun im zweiten Monat schwanger war. – Wieder eine Gedächtnislücke – Ich sah mich im Gespräch mit einer Therapeutin. Berichtete ihr von der Doppelschwangerschaft und sie fragte, wie das nun für mich sei. Und dann begann der Schock. Ich realisierte, dass ich doch schon für mein Leben allein oft zu wenig Kraft, zu wenig Gesundheit besaß. Ich rechnete aus, dass ich, wenn mein Kind zwanzig wäre, wahrscheinlich schon abgenippelt wäre. Und, falls noch am Leben, eine gebrechliche, alte Frau. Ich realisierte, dass meine Erkrankung schon für meine realen Kinder eine große Belastung waren. Und das, obwohl ich zu deren Kindheit weit fitter, weit gesünder war als jetzt. Ich sah die Therapeutin an und sagte: Ich glaube, ich muss die Kinder abtreiben.

Und diese Erkenntnis im Traum war der eigentliche Albtraum. Ich, als absoluter Abtreibungsgegner – nein, falsch formuliert. Das lässt euch etwas Radikaleres vermuten, als ich denke. Moment, wie formuliere ich es passender? Ich schließe die Möglichkeit der Abtreibung einfach aus und zwar, was meine Person angeht. Ich kann mir vorstellen, dass es Frauen gibt, die das Leben in eine Situation zwingt, die eine Abtreibung unumgänglich macht. Aber für mich kommt dieser Weg einfach nicht in Frage – Punkt! Kein Wunder bei meiner Vorgeschichte. Jedenfalls wäre ich selbst beinahe im Frühstadium meines Seins in der Klospülung versunken. Eine nicht gerade erbauliche Vorstellung. Und was bin ich froh, dass ich dieses Leben leben darf. Wenn es auch jede Menge Tiefen hervorgebracht hat, so gab es nicht minder viel, tief erlebte Glücksmomente.

Ich suchte tatsächlich eine Beratungsstelle auf. Alles logische sprach für eine Abtreibung. Doch meine Liebsten verurteilten meine Entscheidung genauso wie das unbekannte, klatschende Umfeld. Ich sei zu egoistisch. Dächte nur an mein Glück, an mein Leben, meine Selbstverwirklichung. Das meiner ungeborenen Kinder würde mich überhaupt nicht interessieren.

Ein Albtraum – jetzt von der Seele getippt – und besser geht´s mir.

Abtreibung erscheint in einem neuen Licht. Ich fühle Mitgefühl, tiefes Mitleid mit den Frauen, die diese Entscheidung treffen müssen. Ein Traum, so wahr wie eine Erfahrung in der Realität. Und wieder bin ich ein Stückchen toleranter.

Mai 17th, 2018 by