Frau Stiina trifft Maria – rein gedanklich

Frau Stiina sitzt hier neben mir, grinst, trinkt Tee und mümmelt Kekse. „Es geht nichts über einen herrlich kühlen Meertag“, blinzelt sie mich herausfordernd an. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schüttel lächelnd den Kopf: „Du willst mich also zu einer Gegendarstellung provozieren. Und wozu? Doch nur, damit du Anlass genug hast, mir deine Meinung in allen Facetten aufs Auge zu drücken.“ Frau Stiina nimmt einen Schluck Tee und guckt mich über den Rand ihrer großen Tasse an. Die Augen klein, an den Seiten so viele Lachfalten, dass ich ihr den Schalk förmlich aus den Augen springen sehen kann. „Na gut“, sie beißt in den Keks mit der hellen Füllung, den sie doch eigentlich nicht mag, dachte ich jedenfalls, „dann mal was anderes: Ich finde die Katholiken cool.“ Da fällt mir fast der Keks aus dem Mund. „Wie bitte? Die kannst du ja so ziemlich alles nennen. Aber cool? Beim besten Willen: Das passt nicht!“ „Doch, herrlich provokativ. Ich glaube, hinter den ganzen Dogmatikern stecken ganz schöne Schlitzohren.“ Ich habe aufgegeben. Es wird eine Diskussion geben. Der Abwasch muss warten. Ich verziehe die Mundwinkel zu dem schiefsten Grinsen, das ich so hinkriege, setze mich wieder hin, schenke mir eine Tasse Tee ein und gebe mich geschlagen: „Na dann schieß mal los.“ „Nun, wer sind die spießigsten Geistlichen im ganzen Land?“ „Die Katholiken“, antworte ich brav. „Und wer ist gegen jedwede Öffnung, Anpassung der Normen und beharrt auf alten Hokus Pokus“ … Ich unterbreche: „Wie dem Zölibat, die Katholiken.“ Sie nickt.

„Tja, und dabei sind sie es doch, die eine Frau in den Himmel heben, die alles andere als einen sittsamen Wandel vor ihrer Ehe gepflegt hat.“ „Stopp, da schießt du dir argumentativ selbst in die Kniee. Maria wurde unbefleckt vom lieben Gott heim- gesucht.“ „Und du meinst, das haben all die Frauen geschluckt, die selbst Kinder bekommen haben? Im Leben nicht. Man kann der Menschheit nicht hunderte von Jahren ein X für ein U verkaufen.“ „Du meinst also, dass Maria auf Neudeutsch gesagt“, ich wage es nicht auszusprechen, geschweige denn aufs Papier zu bringen, was mir da gerade durch den Kopf geht. „Ja und nein. Ich finde, dass die Geschichte Marias zeigt, dass man einen Menschen entgegen seinen Vorurteilen, entgegen der langläufigen Meinung, der aktuell geltenden moralischen Werte einfach nur aufgrund dessen, was er vollbracht hat, ehren und sogar verehren kann.“ Ich hole Luft, nehme mir dann aber doch nur einen Tee. „Bei den Evangelen ist das nicht so. Klar gibt es nette Geschichtchen von Maria, klar erkennt man an, dass sie den kleinen Jesus auf die Welt gebracht hat, aber sie verehren mit einem festen Platz in der Kirche – in jeder Kirche…“ Hm, mir fällt irgendwie gerade nichts gescheites ein. Deswegen holt Frau Stiina weiter aus. „Also gut. Schau mich mal an. Alleinerziehend und familiär gescheitert in jeder Beziehung. Ich gehe gern zu Maria. Weil wir so unter Müttern und wir so unter denen, die nicht so richtig gesellschaftskonform leben, weil wir uns was zu sagen haben. Wenn ich ganz unten bin, dann wende ich mich an sie. Aber ich bitte sie auch schon mal um etwas für meine Kinder. Ich fühle mich von dieser Figur christlicher Lehre verstanden und auch repräsentiert. Und es tut meiner Seele gut, dass eine wie wir, im wahrsten Sinne des Wortes in den Himmel gelobt werden kann.“ Sie schenkt sich eine weitere Tasse ein und schiebt mir den Plätzchenteller vor die Nase. Ich sehe sie mitfühlend und sprachlos an. Sie spricht weiter. Die Stimme diesmal leise und ihren Blick auf den Tisch gesenkt. „Ich habe früher nie verstanden, warum man Jesus nicht in einer hübschen Lebenssituation in den Kirchen ausstellt, sondern immerzu als gekreuzigter oder als Baby. Irgendwie fehlt doch da das, was ihn eigentlich ausmacht. Aber dann, als es mir so schlecht ging, habe ich mich in Sittard vor die Jesusfigur vorn am Eingang gesetzt. Das Bildnis blickte mir in die Augen und zeigte mir seine Wunden. Und es war unendlich trostreich. Wir wussten, wovon wir sprachen.“

„Okay, das verstehe ich“, ich habe meine Sprache wieder gefunden, „aber deinen Ansatz einen fröhlicheren, gesünderen Jesus als Glaubensfigur zu zeigen, finde ich richtig gut. Es ist die Frage, ob man sich als Kirche nur auf das Leiden fokussieren sollte.“ „Wobei wir wieder bei der Kirche wären… Du weißt, was ich noch sagen will.“  „Nun, mir fällt jedenfalls noch einiges schlitzohriges ein.“ „Ha, mir auch! Waren es nicht die Römer, die damals den Jesus ans Kreuz getackert haben?“ „Jap. Und heute sitzt der oberste Katholik in Rom“. „Apropos >Heute< Es kursierte eben auf Facebook so ein Spruch > Tiere haben keinen Platz in der katholischen Kirche < herum. Was sagst du denn dazu?“ „Panne. Absolute Panne. Ich habe großen Respekt vor den Autoren der Bibel. Menschen haben noch bevor die Forschung so weit war, sowohl zeitliche Abläufe als auch zwischenmenschliche Beziehungen sehr klar umrissen und mit recht wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Und dann denke ich gerade an die Katholiken mit ihren Club der Heiligen. Franz von Assisi, einer, der mit Tieren sprechen konnte. Und dann das Eselchen, das sowohl Maria als auch Jesus getragen hat. Die ganzen Pärchen auf der Arche, die Bedeutung der Taube,… Hä? Keinen Platz in der katholischen Kirche? So ein Quark.“ Ich ergänze: „Gestern in der St. Josephs Kerk in Alkmaar habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, außerhalb der Gottesdienstzeiten oder zu bestimmten Feierstunden Gläubigen zu erlauben, ihr Tier mit in die Kirche zu nehmen. Wo wäre bitteschön das Problem?“ Frau Stiina nickt: „Ich glaube auch nicht, dass der liebe Gott was dagegen hätte, wenn ich ihn mit meinem Hund zu Hause besuchen würde.“ „Ja, und ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen gern einmal ein Zwiegespräch mit Maria, Jesus oder dem Gottvater persönlich hielten, wenn es denn einfach ein bisschen einfacher wäre.“

Juni 12th, 2018 by