Menschen auf dem Campingplatz – Joos

Eine neue Serie startet heute auf Frau-Stiina.de
Menschen auf dem Campingplatz. Zuerst einmal will ich über diejenigen schreiben, die hier mehr als die Hälfte des Jahres verbringen. Und die, die hier leben. Von den anderen habe ich auch noch kaum einen zu Gesicht bekommen. Nur am Osterwochenende kam der ein oder andere zu Besuch und hat für Betrieb im Waschhaus gesorgt.
Da ich das Pferd so gern von hinten aufzäume, beginne ich mit dem Ältesten: Joos

Joos
Es ist viertel nach elf. Ich hatte mich gerade noch einmal hingelegt, weil mir irgendwie schlecht war. Da half auch keine kleine Runde durchs Krokusfeld und auch kein Kaffee. „Stiina“ Ich höre meinen Namen und stehe taumelnd auf. Richtig benommen bin ich, als mich Gisela bittet, mich kurz bei Joos vorzustellen. Sie müsse heute noch für ein zwei Tage ins Krankenhaus. Und ich hatte mich bereit erklärt, bei der Pflege des alten Vaters unserer Bäuerin zu helfen. Also gut. Ich schlüpfe schnell in meine Klocks, sperre den Hunden das Gitter vor den Zeltausgang und stolpere mit ins Bauernhaus.
Ich muss sagen, ich habe in den letzten Jahren meine Unbekümmertheit, was das Betreten fremder Räumlichkeiten angeht, verloren. Und auch hilfsbedürftigen Menschen begegne ich nicht mehr unbefangen, sondern eher ehrfürchtig. Wohl wissend, dass sich hinter der offensichtlichen Lage ein Mensch verbirgt, den wir anderen in der Regel nicht mehr wahrnehmen können. Ich bin mir nicht sicher, was mir lieber ist: Meine jugendliche Spring-ins-Feld-Mentalität von früher, die es mir ermöglichte, vorbehaltlos kranken Menschen fröhlich frisch entgegen zu treten. Oder aber meine tiefe Betroffenheit, mein Mitgefühl, das mich zu tiefstem Respekt zwingt, mit dem ich dem anderen entgegentrete. Wie dem auch sei, ich kann mein altes Ich nicht mehr aus der Kiste locken. Ich kann nur meinem heutigen Ich einen kleinen Schubs nach vorn geben.
Als ich Joos so in seinem Pflegebett liegen sehe, trifft es mich wie ein Schlag. Nicht, dass ich keinen Kontakt zu Sterbenden, Kranken oder Alten gehabt hätte. Aber all diejenigen, denen ich bisher begegnet bin, starben entweder viel zu jung oder waren bis auf geistige Verwirrtheit recht fit für ihr Alter. Außerdem hatte ich eine Zeit lang einen Arzt begleitet, wenn er zum Feststellen des Todes bei alten Menschen gerufen wurde. Die Verstorbenen zu untersuchen war seine Arbeit. Meine war es, mich um die liebenden Hinterbliebenen zu kümmern. Mir von ihnen erzählen zu lassen, welch wunderbarer Mensch von nun an nicht mehr da sein würde.
Als ich Joos in seinem Pflegebett liegen sehe, blickt mir der Tod entgegen. Von dem Menschen, der in diesem alten Körper noch wohnt, ist kaum etwas zu spüren. Ein Kopf, der schon klar die Züge eines Schädels trägt, weit aufgerissene, hilflos blickende Augen, eine Nase viel zu dünn für eine Nase, tief eingefallene Wangen und ein viel zu dünner Körper, den eine dicke Decke versucht gegen die sich ausbreitende Kälte zu wärmen. Ich suche Blickkontakt und lächele Joos zurückhaltend an. Vorstellen kann ich mich nicht. Es ist schwer, einfach über die Fremdheit hinwegzuspringen, und so zu tun, als ob man ganz vertraut wäre, so wie es viele Altenpfleger tun. Schwer für einen Menschen wie mich, der die tiefe Erfahrung machen musste, als müder und doch noch wacher Geist in einem resignierten Körper gefangen zu sein. Will ein alter Mensch, nur weil ihn seine körperlichen Kräfte und die Attribute seiner Lebendigkeit verlassen, will ein erwachsener Geist, ein erfahrener und möglicherweise weiser Mensch, nur wegen seiner misslichen Lage wie ein Kind behandelt werden? Will ich einen Mann, der sein Leben gelebt hat, bei einer ersten Begegnung duzen? Hätte ihm das früher gefallen? Wer war er eigentlich, der, der sich da aus seinem Leben nach 93 Jahren verabschiedet. Ich weiß nichts über ihn. Weiß nur, dass es Joos ist, der geliebte Vater der Bäuerin und Herrin unseres kleinen Campingimperiums. Joos, den seine Tochter bittet zu bleiben. Ich stehe da, sehe ein Gemälde eines alten Meisters vom Tod. Trete mich innerlich in den Po: „Pass auf, hör genau zu, was zu tun ist, ziere dich nicht, zeig ihm, dass du ihn respektierst und als Person wahrnimmst.“ Gisela zeigt mir die offenen Stellen an den Füßen. Ob ich Wunden sehen könne, fragt sie. Ich denke: „Aber ja, ich habe schon tausend und ein Kind verarztet, das mit blutigen Knien weinend vom Spielen nach Hause kam. Doch, das, das sind keine Wunden“, schießt es mir durch den Kopf. „Das, das ist der Tod, der sich von außen nach innen durchfrisst. Er frisst ihn auf bei lebendigem Leib.“ Ich unterbreche wieder meinen inneren Monolog und wende mich der täglichen Medikamentengabe zu. Präge mir ein, wie die Medizin durch die Magensonde zu geben ist. Höre zu und zwinge mich, genau aufzupassen.
Der Tod, der ihn auffrisst. Von außen nach innen, von unten nach oben. Normalerweise sieht man den Tod nicht bildhaft vor sich. Normalerweise sieht man Verstorbene, aber man sieht nicht dem Tod bei der Arbeit zu.
Doch wer ist Joos? Wer war er, als er noch er selbst war? Es ist doch bemerkenswert, dass ich einen Artikel über ihn schreiben möchte und nicht von ihm, sondern von seinem Zustand berichte. Interessant, denn genau so wurde er mir auch vorgestellt. Genau so wird über ihn geredet. Es gibt keine Geschichten aus seinem Leben. Es gibt höchstens eine Krankengeschichte, aber auch nur, wenn ich mich danach erkundige. Sonst gibt es nur eine Zustandsbeschreibung. Nüchtern und von allen Außenstehenden dahin gehend bewertet, dass es Zeit wird für Joos zu gehen. Aber was sagt Joos dazu? Was sagt jemand, der nichts mehr sagt. Was sagt sein Geist. Will er sich verabschieden und mit seiner Seele auf die letzte Reise machen oder will er bleiben. Hofft er womöglich auf andere Tage oder hat er abgeschlossen mit seinem Leben. Bleibt er nur noch mit letzter Kraft seiner Tochter zuliebe oder hält auch er noch am Leben fest? Ich weiß es nicht und wüsste es doch allzu gern. Wüsste gern, ob er sich freut, wenn ich ihn besuche. Oder ob er lieber allein wäre und sich nicht die Blöße vor einer fremden Frau gäbe oder ob er mein Kommen als gelungene Abwechslung in seinem pflege- und fernsehbestimmten Alltag erlebt. Keine Ahnung.
Ich vermute auch, dass ich das nicht in Erfahrung bringen werde. Und ich vermute auch, dass ich all die schönen und spannenden Geschichten aus seinem Leben erst zu hören bekomme, wenn er verstorben ist. Aber ich werde ihn fragen, ob er sich über meinen Besuch freut. Und hoffentlich reicht meine Empathie aus, aus seinen Augen eine Antwort abzulesen.

April 12th, 2018 by