Dezember 7th, 2018 by Frau-Stiina-amMeer

Tradition & Toleranz

Viele von uns, die wir so gern in die Niederlande reisen, genießen besonders die außergewöhnliche Toleranz der Niederländer. Wir staunen, wie locker und selbstverständlich Andersheiten in die Gemeinschaft integriert werden. Menschen mit anderer Hautfarbe oder extremen, oder nennen wir es eher ungewohntem Äußerem fallen hier irgendwie nicht auf. Sie sind ein ganz normaler Teil einer Gesellschaft, die es schafft, sogar eine mittellose, leicht durchgeknallte Autorin wie mich aufzunehmen. Wir Hundebesitzer wundern uns am Strand, dass es tatsächlich möglich ist, eine für alle Interessengruppen zufriedenstellende Lösung zu finden, die jedem das Stückchen Freiraum bietet, das er eben braucht, um sich richtig wohl zu fühlen. Und mir, die ich mir nun seit gut einem halben Jahr mein Lieblingsland als Neubürger näher anschauen kann, ist auch noch nichts aufgefallen, was Obiges relativiert.

Wie aber schafft es eine Nation Toleranz als Charakterzug vorzuweisen? Wie gelingt das, was wir so gerne durch erzieherische Maßnahmen auch in unseren Reihen erreichen würden?

Hierzu kam mir gestern Abend ein Gedanke.

Es war Pakjesavond. Der Abend, an dem niederländische Kinder vom Nikolaus und seinen Pieten reich beschenkt werden. Ihr erinnert euch: Die Pieten sind schwarz. Jedenfalls die traditionellen Pieten. Warum und wieso, habe ich euch ja schon im letzten Jahr erklärt. Und während es in den letzten Jahren aufgrund der Diskriminierungsdiskussion auch vermehrt Pieten anderer Farben gab, kommt es mir so vor, als seien sie in diesem Jahr wieder vorwiegend traditionell schwarz.

Der Zwarte Piet ist meiner Meinung der Geniestreich, der niederländische Kinder ein bisschen toleranter sein lässt als andere. Denn der schwarze Piet ist anders als der böse, schwarze Mann, vor dem man lieber weglaufen sollte. Er ist herzlich, nahbar, liebenswert, lustig. Er ist derjenige, mit dem sich die Kinder identifizieren wollen, nicht mit dem Sinterklaas. Und das, obwohl doch der Sinterklaas als weißer Kolonialherrscher, so die Kritik, über die schwarzen Helferlein regiert. Na, da müssten doch die Kinder den König spielen wollen, oder nicht?

Schaue ich mich aber auf der Straße um, so bejubeln die Kinder die Pieten. Sie setzen sich den Pietenhut mit der langen, bunten Feder auf, sie jubeln und geben five. Nur sehr wenige haben sich ein Bischofsmützchen angezogen. Und sehe ich mir in den Sozialen Netzwerken die Bilder und Filme an, so entdecke ich Pieten, die in der Turnhalle zwischen den begeisterten Kindern auf dem Boden sitzen. Ich schaue mir Fotos an von Pieten, die mit glücklichen Kindern Fußball spielen, die Geschenke an strahlende Jungen und Mädchen verteilen. Pieten, die einfach beliebt sind. Beliebt und nicht verachtet als niederes Helfersvolk. Und wenn ich mir die Heerscharen von Erwachsenen ansehe, die Jahr für Jahr in Kostüm und Schminke schlüpfen, um mit Sinterklaas durchs Land zu ziehen, dann kann es nicht diskriminierend sein. Dann muss die Tradition etwas bewirkt haben. Nicht: Oh weh, der schwarze Mann kommt, ich laufe weg –  sondern: Hurra, der Piet kommt, ich laufe hin und umarme ihn.

In meinen Augen ist meinem Lieblingsvölkchen mit seiner Geschichte vom Sinterklaas ein Geniestreich in Sachen Erziehung zur Toleranz geglückt. Erziehung vom ersten Päckchen an.

Frohe Weihnachten!

 

Ein herzliches Dankeschön an meine niederländischen Facebook-Freundinnen, die mir erlaubt haben, ihre privaten Fotos im Rahmen dieses Beitrags zu zeigen.

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November 17th, 2017 by Frau-Stiina-amMeer

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht so recht, ob ich mich trauen soll, das zu schreiben, was mir heute Abend durch den Kopf geht. Es geht um schwarz und weiß, um Rassismus und Ausgrenzung. Um die Diskriminierung all derer, die irgendwie anders sind. Anders als die, die meinen, urteilen und beurteilen zu dürfen. Warum ich gerade jetzt darauf komme? Nun, das ist sicherlich für all die anderen Niederlande-Fans leichter nachvollziehbar, als für diejenigen, die mit den holländischen Sitten und Gebräuchen nichts am Hut haben, nicht zuletzt deshalb, weil sie lieber ihren Urlaub in sonnigeren Gefilden verbringen. Also kläre ich mal kurz die Nichtsahnenden und Unwissenden auf: Morgen kommt der Nikolaus. (*Dieser Link führt zu einer schönen Infoseite auf deutsch)

Nein, ich bin meiner Zeit nicht voraus. In den Niederlanden legt morgen Sinterklaas mit seinem Boot an dem einen oder anderen schönen holländischen Hafen an. Begleitet wird er von seinem Helfersvolk. Netten Kerlchen in schicken Uniformen, meist mit einer buntbefederten Mütze getoppt. Tja, und in der netten Geschichte, die sich um die Sinterklaasfiguren rankt, hat der liebe, gute Nikolaus einst seinen Lieblingshelfer als Blinden Passagier unter Deck entdeckt. Und dieser kleine Kerl, der dem Klaas besonders ans Herz gewachsen ist, war und ist dunkelhäutig. Genannt wird er „de zwarte Piet“. So, spätestens jetzt sollte dem letzten unter euch klar sein, wieso ich also heute gedanklich mit Rassismus und ähnlichen Abartigkeiten menschlichen Tuns beschäftigt bin. In den vergangenen Jahren entfachte auch in den Niederlanden die Diskussion, ob es nicht rassenfeindlich sei, den schwarzen Piet immer wieder auftreten zu lassen. Gern könnt ihr die Diskussion im Internet verfolgen. Meine ganz persönliche Meinung dazu ist allerdings vollkommen anders. Denn: Wird er nicht bevorzugt, der kleine, schwarze Peter? Ist er nicht der Liebling vom Sinterklaas? Wenn das so ist, dann müssten doch all die anderen weißen Pitten auf die Barrikaden gehen, die Santa einfach links als Normalos liegen lässt. Oder nicht? Außerdem denke ich an die Heiligen Drei Könige und frage mich, ob sich mindestens einer von ihnen auch vorgeführt und diskriminiert fühlt. Und dann denke ich an all die Mobbingopfer, die gleichweiß wie ihre vermobbten Gegner sind. Sie werden zum Opfer, weil aus reiner Willkür irgendwelche komisch gearteten Menschlein meinen, sie schikanieren zu dürfen. Wahrscheinlich nur, um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken.

Ich finde es schön, dass sich eine Sage um den heiligen Nikolaus gerankt hat, die die Menschen aus den niederländischen Kolonien liebevoll eingebaut und sie sogar zu einer besonderen Hauptfigur gemacht hat. So erlebe ich nämlich die Niederländer an jedem herrlichen Tag, den ich hier verbringen kann: Als freundliches, liebevolles Volk, das keine Probleme damit hat, Menschen, die irgendwie anders sind, zu integrieren.

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