Von dunkelgrau bis rosarot

Eigentlich dachte ich, dass ich wie ein Besessene schreiben würde, wenn ich denn endlich am Meer wäre. Nun bin ich da und schreibe fast gar nicht. Die Eindrücke überschlagen sich in meinem Kopf, die Gefühle lassen sich kaum in Worte fassen. Am schärfsten ist es, mit dem Bus einkaufen zu fahren. Zuhause eine kleine Tortur: Überfüllte, stickige Busse befördern einen mehr schlecht als recht in die Nähe eines Supermarktes. Schlimmer ist dann natürlich die Rückfahrt. Voll beladen stapft man zur Haltestelle, um dann dort in einer Gegend auf die Rückfahrgelegenheit zu warten, in die man sich eigentlich nicht verirren wollte. Hier dagegen holt mich ein gut gepolsterter, klimatisierter Bus direkt am Feldrand ab. Ich muss winken, damit der Busfahrer weiß, dass ich nicht zum Vergnügen da rumstehe. Der Supermarkt ist gleich beim Bushof, der Bushof direkt neben einer Frittenbude, die Frittenbude ist dann auch direkt im Zentrum unseres schnuckligen Badeörtchens. Während man auf den Bus für die Heimfahrt wartet, beobachtet man Möwen oder Touristen, genießt noch einen Blick auf die Fußgängerzone, deren Verlängerung der Strand ist. Unfassbar. Jedes Mal wieder staune ich und jauchze innerlich, dass das nun normal sein soll.

Und nicht nur ich kann die Freiheit, die gute Luft, die Natur, … in vollen Zügen genießen, Emil tut es ebenso. Mein Wickie genießt angemessen gemäßigt, wie es sich für einen 105-ährigen gehört. Er ist hier deutlich ruhiger als Zuhause, schläft durch und wartet entspannt, wenn Emil und ich mal eine Zusatzrunde drehen.

Das ist die rosarote Seite. Es gibt aber auch eine tiefdunkelschwarze, die mich lähmt und meine Lunge nachts pfeifen lässt. Wie so oft, sind es Sorgen, die mich ins Aus befördern. „Sorge dich nicht, lebe“, zitiere ich in Gedanken ein wirklich gutes, gleichnamiges Buch. Nun gut, ich lebe. Ich gehe meinen Weg und ich spüre mehr als deutlich, dass es endlich die richtige Abzweigung ist, die ich genommen habe. Aber dennoch bleibt – und schlimmer noch: verschlechtert sich meine finanzielle Lage. Ich versuche mich zu beruhigen. Denke, dass sich dieser Knoten lösen wird, wenn ich denn meine große Wohnung aufgelöst habe. Doch im Hinterkopf ist auch eine andere Stimme, die kritisch bemerkt, dass ich mich durch eben meinen Spleen, am Meer leben zu wollen, in diese nun fast unerträgliche Lage befördert habe. Der Schuh drückt, und zwar gewaltig. In diesem Monat allein durch meinen XXL-Vorrat an Medikamenten, den ich mit ans Meer genommen habe. Klar bekomme ich dieses Geld wieder, aber es ist erst einmal ausgegeben. Ansonsten aber fehlt mir ein Nebenverdienst. Ein Irgendetwas, das ich nicht mehr leisten kann – und will, sagt die fiese Hinterkopfstimme. Auch damit hat sie nicht ganz unrecht. Ich will – und somit bin ich es ja – ich will nicht mehr mein bisschen Restkraft für einen Irgendwiejob ausgeben. Ich möchte die Kraft nutzen, um das zu tun, was in mir schon so ewig darauf wartet, gelebt zu werden. Ich will sitzen, beobachten, radeln, gucken und das Gesehene, Erlebte und Gedachte aufschreiben. Ich will meinen Ideen und Gedankenspielchen auf die grüne Fantastereienwiese folgen, will Geschichten ausdenken und weiterführen, wenn sie bei mir vorbei geflogen kommen.

Dunkelgrau sind auch die Reaktionen derer auf mein Vorhaben, die ich so sehr liebe. Sie fühlen sich ungeliebt, weil ich ihnen den Rücken zuwende. Weil ich das Zuhause auflöse, den Rückzugsort aller, die sich nun mal keine andere Mutter aussuchen können. Ich verstehe das. Und so gern würde ich den Spagat zwischen Zuhause und Meer leben können. Aber entscheide ich mich für den Fortbestand der Wohnung, entscheide ich mich gegen meine Gesundheit. Ich habe es versucht. Jahrelang. Habe es mir schön gemacht, das Gärtnern für mich entdeckt, habe Meerbilder aufgehängt und einen Freundeskreis aufgebaut – und war trotz allem nicht glücklich. Bin vor Sehnsucht fast geplatzt und vor Angst umgekommen. Diese Angst, dass die Luft nicht mehr reicht. Die Angst, dass ich sterbe, bevor ich meine Geschichten erzählt habe. Sie ist übermächtig. Auch hier meldet sie sich zu Wort: Es ist zu spät. Du hast zu lange gewartet. Jetzt kannst du die Verschlimmerung nicht mehr aufhalten…

Aber dennoch, jetzt bin ich hier. Und mein Herz, meine Seele und eigentlich auch meine Ratio wissen, dass das unumstößlich richtig ist.

Mai 5th, 2018 by