zweiundzwanziguhrneunundzwanzig

Frau Stiina und der Tod. So oft schon ist er mir begegnet. So oft.

Und jedes Mal dachte ich, es sei der Gipfel da unten in der Tiefe. Vor meinen Augen sehe ich einen Gletscher, hoch vereist. Doch sehe ich nicht nach oben, sondern schaue in einen weiten, dunklen See. Und mittendrin in die Tiefe zeigt die Gletscherspitze. So viel tiefer, als dass ich sie noch scharf erkennen könnte. Mein Leben verläuft spiegelverkehrt. Ich steige hinauf und lande weiter unten. Mit jedem Schritt, mit jeder Anstrengung noch mehr. Wie oft schon habe ich versucht, aus diesem schwarzen Meer nach oben zu steigen. Wie oft schon habe ich mich an einem Felsvorsprung festgehalten und nach Luft geschnappt. Habe gebetet und geweint ohne eine Träne zu vergießen. Wie gelangt man auf die andere Seite des Spiegels? Wie schafft man es, auf einer Spielkarte in die obere Hälfte zu gelangen, wenn man fest auf die untere gedruckt ist. Wie? Wäre der Abstieg nicht so schmerzhaft, ich würde sagen: Sei´s drum. Richte dich hier unten schön ein. Mal ehrlich. Das Auge bildet die Welt eh spiegelverkehrt ab. Das Hirn rückt das Leben dann erst zurecht. Warum sollte mein durchgeknalltes Hirn nicht in der Lage sein, einfach eine doppelte Drehung zu vollführen?

Ich habe mein Leben zu Grabe getragen. Das tun normalweise die Hinterbliebenen. Sie misten aus, werfen weg, was eh keiner braucht. Auch das, an dem mein Herz hängt. Weg. Ich fahre zur Mülldeponie. Nicht einmal. Dreimal oder mehr. Ich entsorge, was ich behalten will. Entsorge mein Leben, so, als ob ich nicht mehr da wäre. Es nimmt mir die Luft. Raubt mir die Kraft. Lässt mich straucheln, fallen, stürzen auf die Knie. Doch wo ist das Fünkchen Hoffnung? Das, das das Unerträgliche aushaltbar macht? Mein ganzes Ich will und wollte immer Bücher schreiben. Schon seit ich klein war. Geschichten machen mich aus. Geschichten schmücken meine Welt wie Lichterketten die euren. Ich dachte immer: So lange du nicht den Mut findest, dein eigenes Ich zu leben, so lange wirst du auf der anderen Seite gefangen sein. Ich wurde kränker und akzeptierte die Krankheit als logische Konsequenz. Dann schluckte ich, nahm meinen Mut zusammen und sprang. Ich schrieb. Schrieb mit Herzblut. Sprang ins kalte Wasser. Tauchte auf und

war und bin noch immer auf dem Berg, dessen Gipfel ich schon so oft meine erklommen zu haben, doch dessen Spitze – dessen bin ich mir inzwischen sicher – ich nicht einmal erahnen kann. Egal was ich tue, auch wenn ich alles opfere, alles ändere, mit vollem Einsatz lebe, ich trage mich selbst nur zu Grabe. Nun, dies tut ja logisch betrachtet jeder. Mit dem ersten Atemzug, dem ersten Schrei nach Leben, begibt sich absolut jeder auf den einen Weg, der nur ein Ziel hat. Also, was jammere ich?

Ich sitze auf meinem Bett und weine. Weine salziges Wasser über meine Wangen. Schluchze. Das Salz brennt in meinen Augen. Salz. Salz wie das Salz in der Nordsee. Das macht es erträglich, lebbar und liebbar. Damit habe ich dem Zeichner ein Schnäppchen geschlagen. Egal, ob er mich in das untere Feld kopfüber ans Papier fesselt, ich bin am Meer. Vielleicht sollte ich meine knorrigen Knochen mal ein bisschen trainieren und Kopfstand üben 😉

Der Regen rieselt über mein Wohnwagendach. Er prasselt nicht, obwohl er das kann. Er kann sogar so laut hämmern, dass ich an mich halten muss, nicht die Löcher in der dünnen Haut zu suchen, die mich von dem Unwetter trennt. Gerade streichelt er sanft. Tickert in kleinen, leichten Schritten über mich hinweg. Unter dem linken Auge trocknet die letzte Träne. Ich lebe. Merkwürdig zwar, dass ich den Tod immer wieder treffe, das tun andere schließlich nicht, aber ich lebe. Wer weiß, was es gutes bedeuten will, dass ich wie eine Fledermaus im Leben herum baumel, aber ich lebe

und zwar am Meer.  ausrufezeichen

Oktober 1st, 2018 by